Jonny Wates ist in vierter Generation Mitinhaber der Wates Group Ltd, eines britischen Familienunternehmens für Bau, Immobiliendienstleistungen und Projektentwicklung. Seit 2008 gehört er dem Board der Unternehmensgruppe an. Er leitet dessen Nachhaltigkeitsausschuss und setzt sich sowohl auf strategischer als auch auf operativer Ebene für Nachhaltigkeit ein. Zudem ist er Kuratoriumsmitglied des Wates Family Enterprise Trust, der Wates Foundation und des William Wates Memorial Trust.
Jonny Wates gründete das auf erneuerbare Energien spezialisierte Start-up Myriad Cleaner Energy Generation und war dessen Chairman. Zuvor war er unter anderem als Leiter Strategie der Wates Group und als Vertriebsleiter von Wates Homes Ltd tätig. Seine berufliche Laufbahn begann er als Markenmanager bei International Distillers & Vintners, heute Teil von Diageo. Auch außerhalb des Familienunternehmens übernimmt er verschiedene Führungsaufgaben, die sich sämtlich dem Thema Nachhaltigkeit widmen.
Für Jonny Wates ist Nachhaltigkeit ein Schlüssel zur langfristigen Widerstandsfähigkeit von Organisationen, der Menschheit und unseres Planeten. Angesichts der zunehmenden Urbanisierung und der Notwendigkeit, die CO₂-Bilanz von Gebäuden zu verbessern, möchte er das Bewusstsein in der Bau- und Immobilienbranche dafür schärfen, wie ausschlaggebend ihr Beitrag zur Reduzierung von CO₂-Emissionen ist.
Jonny Wates hat einen MBA der Cranfield University School of Management sowie einen Masterabschluss in Sustainability and Leadership der University of Cambridge.
AvS Advisors: Sie haben kürzlich das 125-jährige Bestehen der Wates Group gefeiert. Erzählen Sie uns von Ihrem Familienunternehmen.
Jonny Wates: Mein Urgroßvater Edward Wates hat das Unternehmen 1897 gegründet. 2022 haben wir unser 125-jähriges Bestehen gefeiert. Heute liegt das Unternehmen in den Händen der vierten Generation. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Frage, was herausragende Inhaberschaft unter den heutigen Bedingungen ausmacht. Das Umfeld ist äußerst anspruchsvoll. Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die sich daraus für uns ergibt, ebenso wie der Chancen und Risiken.
Diese Herausforderungen prägen die Rolle der Familie im Unternehmen. Unser Geschäft ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hat weiteres Wachstumspotenzial. Wie können wir unserer Verantwortung gerecht werden, das Unternehmen für kommende Generationen zu bewahren und weiterzuentwickeln, und dabei durch unser eigenes Wirken den größtmöglichen Mehrwert schaffen? Wir entwickeln unsere Governance-Strukturen weiter, damit unsere langfristige Perspektive besser zum Tragen kommt. Zugleich vertiefen wir gezielt unsere Kompetenzen und erarbeiten neue Ansätze, um unser Kapital strategischer und wirksamer einzusetzen. Im Grunde konzentriert sich unser Engagement auf ein einziges Unternehmen, eine einzige Branche und einen einzigen geografischen Markt. Für unseren Fokus verdienen wir also Bestnoten, für die Risikostreuung eher weniger. Das wird unsere Weiterentwicklung in den kommenden Jahren wesentlich bestimmen. Es ist ein spannender Prozess, der Zeit braucht. Im Gesellschafterkreis herrscht große Einigkeit. Unser übergeordnetes Ziel ist klar: Wir wollen der fünften Generation ein stärkeres Unternehmen übergeben.
Aber was macht ein „stärkeres“ Unternehmen aus? Wir waren schon immer davon überzeugt, dass verantwortungsvolles Handeln und finanzieller Erfolg eng zusammenhängen. Heute drückt sich diese Überzeugung darin aus, dass wir neben wirtschaftlichen auch positive gesellschaftliche und ökologische Wirkungen erzielen wollen. Derzeit arbeiten wir daran, diesen Anspruch noch konsequenter und systematischer umzusetzen. Wie können wir in allen drei Bereichen schneller mehr bewirken, und wie machen wir diese Wirkung messbar?
Wie hat die Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit bei der Wates Group begonnen?
Nachhaltigkeit begleitet die Wates Group seit den Anfängen. Verantwortungsvolle Inhaber und gute Nachbarn zu sein, gehört seit der Gründung zu unseren grundlegenden Werten. Unsere Unternehmensgeschichte ist reich an inspirierenden Beispielen. Sie haben die nachfolgenden Generationen ebenso geprägt wie das Verhalten unserer Vorfahren, das uns als Vorbild dient.
Der Gedanke ist also nicht neu, nur hieß er damals noch nicht Nachhaltigkeit. Die Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert, und heute gehen wir das Thema systematischer an. Das ist hilfreich und notwendig zugleich. So können wir unsere Fortschritte verfolgen und besser mit unseren Anspruchsgruppen kommunizieren, deren Interesse und Erwartungen stetig wachsen. Auch die Bedeutung des Themas hat sich gewandelt. Anfangs ging es darum, das Richtige zu tun, weil wir unseren Beitrag zur Gesellschaft leisten wollten. Mit neuen Gesetzen und Vorschriften kamen rechtliche Anforderungen und Compliance hinzu. Heute geht es um Wettbewerbsvorteile und, so könnte man sagen, um unsere langfristige Bestandsfähigkeit. Nachhaltigkeit berührt damit unmittelbar unsere Chancen und Risiken.
Obwohl wir als nicht börsennotiertes Unternehmen dazu nicht verpflichtet sind, legen wir bei unserer Berichterstattung dieselben Transparenzmaßstäbe an wie ein börsennotiertes Unternehmen. Das schafft Vertrauen. Wie wichtig dieses Vertrauen ist, lässt sich kaum überschätzen.
Welche Schwerpunkte und Prioritäten setzt die Wates Group beim Thema Nachhaltigkeit?
Unser Umfeld ist anspruchsvoll und von großer Unsicherheit und tiefgreifenden Umbrüchen geprägt. Dahinter stehen Entwicklungen, die ganze Systeme betreffen: der Klimawandel, der Verlust biologischer Vielfalt, der rasante technologische Fortschritt, geopolitische Veränderungen und Fragen sozialer Gerechtigkeit. Wir arbeiten daran, diese Entwicklungen zu verstehen, Prioritäten zu setzen und angemessen zu reagieren. Das gehört zu den Pflichten jeder verantwortungsvoll handelnden Organisation. Wer sich dem nicht stellt, geht ein Risiko ein, denn alle Anspruchsgruppen nehmen diese grundlegenden Herausforderungen immer deutlicher wahr. Den Nachhaltigkeitsausschuss haben wir unter anderem eingerichtet, um dem Board Sicherheit zu geben, dass wir die richtigen Einschätzungen treffen.
Wir gehen davon aus, dass sich unser Beteiligungsportfolio in den kommenden Jahren kontinuierlich weiterentwickeln wird, um die Chancen zu nutzen, die aus den Umbrüchen in den Märkten entstehen. Wie wir unser Kapital langfristig einsetzen, wird maßgeblich darüber entscheiden, in welchem Umfang wir unseren Anspruch erfüllen, ökologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich Positives zu bewirken.
Im operativen Geschäft ist Nachhaltigkeit inzwischen ein zentraler Bestandteil der strategischen Planung. Sie steht im Mittelpunkt unserer größten Chancen und Risiken. Bei ökologischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit müssen wir zunächst unsere eigenen Hausaufgaben machen. Deshalb haben wir uns in beiden Bereichen ambitionierte, öffentlich kommunizierte Ziele gesetzt und die Ressourcen und Maßnahmenprogramme geschaffen, um sie zu erreichen.
Im Umweltbereich konzentrieren wir uns auf die Verringerung von CO₂-Emissionen, den Umgang mit Abfällen und den Schutz der Natur. Ebenso wichtig sind die wachsenden Marktchancen, etwa bei erneuerbaren Energien, der energetischen Sanierung von Gebäuden und grüner städtischer Infrastruktur. Bei unserem gesellschaftlichen Beitrag geht es selbstverständlich um die Sicherheit unserer Mitarbeitenden, aber auch um ihr körperliches und psychisches Wohlbefinden. Wir unterstützen Menschen, die besonders schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden, und fördern Sozialunternehmen. Einen weiteren Schwerpunkt setzen wir bei Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Inklusion. All das ist mit erheblichen Kosten verbunden. Wir sind jedoch überzeugt, dass diese Aufgaben heute unverzichtbar sind. Sie stärken unsere Zukunftsfähigkeit und sichern unsere Relevanz.
Trotz dieser Fortschritte wissen wir, dass wir noch dabei sind, die Grundlagen zu schaffen. Aus unseren klaren Vorstellungen und guten Absichten müssen verlässliche Systeme und Prozesse werden, damit die Veränderungen dauerhaft wirken.
Erzählen Sie uns von Ihrem persönlichen Weg und Ihrer Rolle im Familienunternehmen.
Ich gehöre zur vierten Inhabergeneration und arbeite seit meinem 28. Lebensjahr im Familienunternehmen. Inzwischen bin ich seit 26 Jahren dabei und habe ganz unterschiedliche Aufgaben übernommen: im Vertrieb, in der Strategie, im Executive Committee und im gemeinnützigen Engagement. Auf meine Initiative hin hat die Familie in erneuerbare Energien investiert. Diese Beteiligung halten wir bis heute. Es hat Zeit gebraucht, aber inzwischen entwickelt sie sich erfreulich.
Vor einigen Jahren habe ich noch einmal die Studienbank gedrückt und an der University of Cambridge einen Master in Sustainability Leadership abgeschlossen. Das war eine prägende Erfahrung. Was ich dort gelernt habe, lässt sich nicht mehr ausblenden. Mir wurde klar, wie sich unser Familienunternehmen angesichts der tiefgreifenden Umbrüche anpassen muss – im eigenen Interesse und im Interesse der Gesellschaft, für die es Leistungen erbringt. Seitdem konzentriere ich mich beruflich ausschließlich auf Nachhaltigkeit, innerhalb wie außerhalb des Unternehmens. Neben meinem Einsatz für das Thema bei Wates übernehme ich verschiedene Führungsaufgaben in anderen Organisationen. Damit möchte ich mehr bewirken und zugleich aus erster Hand erfahren, welche neuen Ansätze dieses dynamische Feld voranbringen.
Ich suche bewusst Aufgaben und Begegnungen, bei denen ich schnell dazulernen kann, und versuche, diese Erkenntnisse anschließend bei Wates einzubringen. Diesen Sommer habe ich an der TED Countdown Conference in Detroit teilgenommen und an ihrer Durchführung mitgewirkt. Ich bin Associate bei Leaders’ Quest, einer Organisation, die bei Countdown mit TED zusammenarbeitet.
Leaders’ Quest hat mich über die Jahre stark geprägt. Vor vielen Jahren habe ich mit der Organisation an einer „Quest“ in Indien teilgenommen. Gemeinsam mit einer Gruppe sind wir tief in die unterschiedlichsten Lebenswelten von Mumbai und Bangalore eingetaucht. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf die Welt grundlegend verändert. Ich habe in meiner Arbeit immer nach Sinn gesucht. Das Zusammenspiel aus den großen Herausforderungen unserer Zeit und meiner Tätigkeit bei Wates gibt mir heute vielfältige Möglichkeiten, etwas zu bewirken.
Wie sieht es mit der nächsten Generation aus?
Zur fünften Generation gehören 18 direkte Nachkommen im Alter von sechs bis 30 Jahren. Einer von ihnen arbeitet bereits im Unternehmen. Wir haben ein sorgfältig konzipiertes Programm, mit dem wir sie alle an das Familienunternehmen heranführen. Erst vergangene Woche haben die über 21-jährigen Mitglieder der nächsten Generation gemeinsam mit der dritten und vierten Generation an unserer halbjährlichen Familienratssitzung teilgenommen. Ihre Anwesenheit hat das Treffen sehr bereichert.
Welche Rolle spielen die anderen Anspruchsgruppen?
Das von Unsicherheit geprägte Umfeld verändert auch ihre Prioritäten. Wie bereits angesprochen, entstehen daraus Chancen, insbesondere für neue Produkte und Dienstleistungen. Zugleich stellt es uns vor die Aufgabe, den veränderten Erwartungen gerecht zu werden. Der gesellschaftliche Auftrag unseres Unternehmens und die Akzeptanz, auf der unser Handeln beruht, sehen heute deutlich anders aus als noch vor fünf Jahren. Die Erwartungen der Gesellschaft an Unternehmen sind gestiegen. Dazu tragen das wachsende Bewusstsein für die ökologischen Krisen und die Debatte über soziale Gerechtigkeit bei.
Dieser Wandel zeigt sich auch bei unseren Mitarbeitenden und bei den Menschen, die sich für eine Tätigkeit bei uns interessieren. Sie prüfen genau, ob wir unseren Ansprüchen gerecht werden. Deshalb müssen wir verantwortungsvoll handeln und zugleich wirksam und transparent darüber kommunizieren.
Auch unsere Kunden reagieren auf diesen gesellschaftlichen Wandel und auf die wachsende Zahl an Gesetzen und Vorschriften, insbesondere im Umweltbereich. Um ihre Erwartungen erfüllen zu können, sind wir wiederum auf die Unterstützung unserer Partner entlang der Lieferkette angewiesen.
Deshalb ist Nachhaltigkeit für uns bei Wates eng mit langfristiger Bestandsfähigkeit verbunden. Sie gehört untrennbar zum unternehmerischen Erfolg. Die Familie hat sich gemeinsam das Ziel gesetzt, der nächsten Generation ein stärkeres Unternehmen zu übergeben. Ob uns das gelingt, hängt wesentlich davon ab, ob wir uns zu einem Unternehmen weiterentwickeln, das ökologischen und gesellschaftlichen Ergebnissen denselben Stellenwert einräumt wie finanziellen.
Herr Wates, vielen Dank für diese wertvollen Einblicke!




